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Die Sprache des Königreichs (Teil 1)

«Ich habe wahrlich den mannigfaltigen Eindruck, dass es gerade jetzt ‹dran› ist.» Das ist fromme Sprache und darum wird es in diesem Text nicht gehen. Fromme Sprache ist schnell und problemlos erlernt. Ein paar religiöse Worte hier, ein Halleluja dort – das geht locker ohne den Heiligen Geist.

Worum geht es dann? Jesus brachte nicht eine neue Religion, sondern ein Königreich. In dieses Königreich werden wir eingebürgert, wenn wir zum Glauben an ihn kommen (Phil 3,20). Es ist ein eigenes, unsichtbares, über die ganze Welt verteiltes Land. Das Königreich ist kein Stück Erde, sondern ein Stück Himmel auf Erden. Wie jedes Land hat auch das Königreich Gottes eigene Gesetze, eine eigene Regierung, eine eigene Kultur, ein eigenes ökonomisches System und eben auch eine eigene Sprache. Darauf möchte ich heute hinaus: Was ist die Sprache des Königreichs? Wie reden wir Königreichisch?

Königreichisch ist eine Meta-Sprache. Sie besteht nicht aus komplizierten, religiös aufgeladenen Worten, sondern sie setzt sich aus der jeweiligen Landessprache zusammen. Und trotzdem: Wer in dieser Sprache spricht, macht damit deutlich, dass er einem anderen Land angehört: dem Königreich Gottes.

Jesus und die Sprache des Königreichs

Jesus ist Sprache extrem wichtig. Ich belege das anhand von drei Beispielen aus der Bergpredigt:

«Ihr habt gehört, dass den Alten geboten worden ist: ‹Du sollst nicht töten›, wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich dagegen sage euch: Wer seinem Bruder auch nur zürnt, der soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder ‹Dummkopf› sagt, soll dem Hohen Rat verfallen sein; und wer ‹du Narr› zu ihm sagt, soll der Feuerhölle verfallen sein.» (Mt 5,21–22)

Vermutlich ist noch nie jemand tot umgefallen, als du ihn mit Worten fertiggemacht hast. Das sollte uns zu denken geben, denn es bedeutet, dass sich der Tod unbemerkt einschleicht. Mord war früher «nur» eine Tat. Mit Jesus wird Mord eine Frage der Herzenshaltung und der Wortwahl. Deine Worte können eine Kultur des Lebens oder eine Kultur des Todes erschaffen: «Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge» (Spr 18,21). Worte schaffen eine Umgebung, in der Menschen emotional aufblühen oder sterben.

Ich war in der Schule nie ein Aussenseiter. Und doch weiss ich heute noch, welche Schimpfwörter über mir ausgesprochen wurden, als ich noch ein Primarschulkind war. Vermutlich völlig unbedacht und nicht ernst gemeint. Und doch blieben diese Worte hängen. Das bedeutet nicht, dass ich unter diesen Worten bleiben muss und sie mein Leben prägen dürfen. Aber es zeigt auf, welche Macht Worte haben. Wie muss das erst sein für Kinder, die systematisch gemobbt werden oder zu Hause nie ein Wort der Anerkennung erhalten?

Wir machen es uns viel zu einfach, wenn wir lediglich die beiden Worte «Dummkopf» und «Narr» aus unserem Wortschatz streichen, um dann mit anderen Begriffen – vielleicht subtiler – negativ über unsere Mitmenschen herzuziehen. Es geht darum, Jesus radikal ernst zu nehmen: Das Königreich Gottes spricht eine Sprache, die nicht von dieser Welt ist. Und wenn du dich wie ein Bürger des Königreichs verhalten willst, musst du lernen, in der Kraft des Heiligen Geistes die Königreichs-Sprache einzuüben. Eine Sprache zu lernen, ist streckenweise anstrengend. Aber wenn es nichts in dir gibt, das eine Sehnsucht danach hat, diese Königreichs-Sprache zu lernen und alte Sprachmuster zu überwinden, dann steht deine Einbürgerung ins Reich Gottes vielleicht erst noch bevor. Klingt hart, ist aber so. Mobbing, negatives Hinten-durch-Reden und Beschimpfung haben im Königreich genau gar keinen Platz.

«Ihr habt weiter gehört, dass den Alten geboten worden ist: ‹Du sollst nicht falsch schwören, sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen!› Ich dagegen sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupte sollst du nicht schwören, denn du vermagst kein einziges Haar weiss oder schwarz zu machen. Eure Rede sei vielmehr ‹ja ja – nein nein›; jeder weitere Zusatz ist vom Übel.» (Mt 5,33–37)

Jesus legt Wert auf eine Reduktion der Sprache. Dein «Ja» und dein «Nein» sollen ein Gewicht haben, als würdest du beim Himmel, der Erde und der heiligen Stadt Jerusalem schwören – so machtvoll sollen diese kurzen Worte sein. Und das mitten in einer Welt, die täglich Versprechen macht, die sie nicht halten kann oder sich wenige Monate später nicht einmal mehr daran erinnert.

«Ihr habt gehört, dass geboten worden ist; ‹Du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen!› Ich dagegen sage euch: Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr euch als Söhne eures himmlischen Vaters erweist. Denn er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte.» (Mt 5,43–44)

Spätestens hier wird deutlich, dass die Sprache des Königreichs mit intellektueller Anstrengung nicht zu meistern ist. Für die eigenen Verfolger beten – ernsthaft, Jesus? Kein Mensch will das aus eigenem Antrieb! Fromme Sprache versagt hier völlig, weil sie nur äusserliche Begriffe verändert, aber das Herz des Menschen unverändert lässt. Wir benötigen eine übernatürliche Kraft und einen himmlischen Lehrer, der uns befähigt, die Königreichs-Sprachhürden zu meistern. Beides finden wir im Heiligen Geist.

Der Überlauf des Herzens

Die Sprache des Königreichs hat primär mit dem Herzen zu tun. Jesus selbst spricht davon: «Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.» (Mt 12,34). Längerfristig kommt oben nur raus, was sich im Herz befindet. Der Mund ist der Überlauf des Herzens.

Ich bin ehrlich: Besonders unter Druck kommt es oft vor, dass Worte meinen Mund verlassen, die auf Hass und Ungeduld in meinem Herzen schliessen lassen. Jedes Mal, wenn das vorkommt, ist es eine Einladung von Jesus an mich, die Herzensprobleme anzugehen. Lediglich einige Worte zu ändern, würde mich nicht über Symptombekämpfung hinausbringen. Es geht ums Herz. Und Jesus ist Experte fürs Herz.

Deine Worte sind ein guter Gradmesser für das, was sich im Herzen befindet. Hör dir selbst mal zu, wie du redest. Wenn du merkst, dass aus deinem Mund regelmässig üble Nachrede, zynische Witze, Eifersucht oder Hass rauskommen, dann bring Jesus dein Herz und bitte ihn, dass er diese giftigen Wurzeln aus deinem Herzen herausoperiert.

Wie bei jedem Sprachkurs gilt: Geduld ist gefragt. Eine neue Sprache lernt man nicht von heute auf morgen. Und wenn das Herz auch noch mit im Spiel ist, benötigt die Sprachschule umso mehr Zeit. Aber ich möchte dich herausfordern, gegenüber alten Sprachmustern eine Nulltoleranzstrategie zu fahren. Ein erster Schritt könnte sein, dass du dich mit Gottes Hilfe bewusst gegen negative Rede entscheidest. Dass du aufstehst, und nicht mehr duldest, dass Eifersucht dein Leben bestimmt. Dass du nicht mehr akzeptierst, dass Hass in deinem Herzen und in deinen Worten Raum einnehmen darf.

Bist du dabei? Irgendwo muss man anfangen.

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Konsum oder Multiplikation?

Ich erlebe Gemeinden und Kirchen oft als Restaurants. Da gibt es kleine, lokale Beizen mit heimeliger Stimmung, leicht muffiger Atmosphäre, niedrigen Decken, immer denselben drei Menüs und langjährigen Stammtischgästen. Zwei Strassen weiter stehen Hochglanzrestaurants weltweit tätiger Gastronomie-Ketten mit vielen Besuchern, moderner Einrichtung, hipper Musik und Gourmet-Food zu überhöhten Preisen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Jeder Hungrige findet das passende Angebot. Bezahlt wird beim Ausgang. Sonntags geöffnet, Montag Ruhetag.

In den Küchen stehen fleissige Pastoren, die in bester Chefkoch-Absicht das Korn des Evangeliums mit komplizierten Kücheninstrumenten der Exegese und Homiletik vermahlen, backen und daraus den Besuchern schmackhafte Menüs zubereiten. Schliesslich wollen die Menschen ernährt werden. Im Zentrum steht der Konsum: Die Menschen kommen hungrig und gehen gesättigt. Was soll daran falsch sein?

Ich glaube, wir sollten die Restaurant-Mentalität unserer Gemeinden radikal überdenken. Dabei will ich niemandem etwas Böses unterstellen und ich schreibe diese Zeilen auch nicht als verbitterter alter Mann. Es ist schlicht die Art und Weise, wie viele von uns das Handwerk erlernt haben. Wir füttern die hungrigen Leute – bis sie am nächsten Sonntagmorgen wieder hungrig vor unseren Toren stehen.

Aber wie wäre es, wenn wir aufhören würden, die Leute permanent zu füttern? Wenn wir ihr ungestilltes Bedürfnis nach Konsum nicht länger bedienen würden? Wie wäre es, wenn aus unseren Restaurants Kornhäuser und Landwirtschaftsschulen würden? Der Aufschrei wäre gross – das geht doch nicht! Ich glaube, langfristig würden wir unseren Gemeindemitgliedern damit etwas Gutes tun.

Kraft zur Multiplikation

Das Evangelium trägt in sich die Kraft zur Multiplikation. Wenn es im Herz eines Menschen nicht auf den staubigen Weg, den steinigen Boden oder unter die Dornen fällt, wächst es und bringt Frucht (vgl. Mt 13,1–23). In einem guten Erntejahr dürfen wir mit 100-facher Multiplikation rechnen. Einen Teil davon wird man konsumieren, das ist auch in Ordnung so. Aber kein Bauer zur Zeit Jesu wäre so gedankenlos gewesen, die gesamte Jahresernte seinen vierzehn hungrigen Kindern zu verfüttern. Konsum ist nicht alles. Einen Teil der Ernte mussten sich die Bauern vom Mund absparen, um die Körner für die nächste Ernte zu säen. Sie mussten auf einen Teil der Nahrung verzichten, und das Korn – manchmal unter Tränen – vor den Augen ihrer hungrigen Kinder in die Erde werfen. Sie mussten der Kraft der Multiplikation vertrauen, um zu überleben: «Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.» (Ps 126)

Was geben wir unseren Gemeindebesuchern: Weissmehlbrot oder saatfähiges Vollkorn? Was ist das Ziel unserer Gottesdienste: dass die Menschen ihre Bäuche füllen und zufrieden davonziehen? Oder dass sie Werkzeuge, Wissen und Ressourcen erhalten, um die Körner des Evangeliums in ihrem eigenen Umfeld aussäen zu können? Ich kenne die Versuchung, die Menschen mit wohlschmeckenden und leicht bekömmlichen Konsum-Predigten abzuspeisen. Dann bin ich der Held. Glücklich und gesättigt verlassen die Leute den Gottesdienst, ihr Mund voll Lobes für den begabten Prediger und sein Fünf-Gänge-Menü.

Die Zeit der Restaurant-Gemeinden war nett. Aber ich glaube, sie ist vorbei. Auf Konsum angelegte Restaurant-Gemeinden dürfen – wenn es gut kommt – mit linearem Wachstum rechnen: Die Zahl der Konsumenten nimmt zu, juhu! Aber das wird zur Erfüllung des Missionsauftrags nicht reichen. Wir können nicht auf die Kraft der Multiplikation verzichten und die Gemeinde mit unseren eigenen Profi-Methoden bauen. Ohne eine virale Basis-Bewegung wird das Königreich nicht signifikant wachsen.

Die Heiligen befähigen

Stell dir für einen Moment vor, die Zeit der sagenumwobenen religiösen Alleskönner wäre vorbei. Die Zeit der hochgezüchteten Fachtheologen, die imstande sind, jedes geistliche Bedürfnis mit einer breiten Palette an religiösen Dienstleistungen kompetent zu stillen. Statt dessen würden ganz normale Menschen im Gottesdienst befähigt und freigesetzt, in ihrem Umfeld Gemeinde zu bauen. Stell dir Leiter vor, die diese Menschen freisetzen. Nicht mit dem Hilfsmittel des Drucks, sondern mit dem Hilfsmittel des Segens – ein grosser Unterschied!

Auch in diesen Gemeinden werden Pastoren gebraucht. Allerdings nicht als religiöse Alleinunterhalter, sondern im Team zusammen mit Aposteln, Propheten, Evangelisten und Lehrern. Fünffältiger statt einfältiger Dienst. Dieser Dienst fungiert als geistlicher Wachstumsanreger:

«Er ist es nun auch, der der Gemeinde Gaben geschenkt hat: Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer. Sie haben die Aufgabe, diejenigen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, für ihren Dienst auszurüsten, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird.» (Epheser 4,11–12)

Ich plädiere nicht dafür, dass sich jeder zweite Christ «Apostel» auf seine Visitenkarte drucken lässt und wir durch die Hintertüre den geistlichen Personenkult wieder einführen. Darum geht es gerade nicht! Das schreibe ich, obwohl ich von der Bedeutung und Aktualität aller fünf Dienste überzeugt bin. Wir sollten nicht länger Ausschau halten nach starken Männern und Frauen, die «den Karren ziehen» und die Arbeit für uns übernehmen.

Leiter sind in der Gemeinde dazu da, eine buchstäbliche Leiter zu sein: Die «normalen Heiligen» für ihre Aufgaben freizusetzen und zu fördern. Menschen in Mündigkeit zu führen. Wachstum anzuregen. Sie sind dazu da, Gemeindeglieder nicht von sich selbst, sondern von Christus abhängig zu machen (Eph 4,15).

Vielleicht sollten wir, die religiösen Profis, den Auftrag zum Gemeindebau unseren Gemeindegliedern bewusst zurückgeben. Vielleicht sollten wir ihnen die Erlaubnis geben – schriftlich, wenn es sein muss – bei sich zu Hause Gemeinde zu bauen und das Evangelium zu multiplizieren. Klar, die Fokussierung auf einige wenige Profis hat auch etwas Beruhigendes: Nur wenig kann schief gehen. Ich fürchte aber, sie hat auch etwas Beunruhigendes: Allzu viel kann nicht gut gehen.

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Zurück in den Garten

Längst zerrissen sind die Kleider, doch sie verdecken nichts Attraktives mehr. Die alte, runzlige Haut hängt schlaff an den beiden herab. Mit vorsichtigen Schritten gehen sie barfuss über den verfluchten Acker. Messerscharfe Dornen reissen ihnen die ledrigen Fusssohlen auf, Wie oft sind sie diesen Weg in Gedanken zurückgegangen, zerrissen zwischen Sehnsucht und Scham.

Die Einladung zum Fest hat sie völlig unerwartet erreicht. Ein fröhliches Kinderfest soll im Garten stattfinden und beide seien eingeladen! Die beiden hatten zuerst zynisch gelacht und den Brief beiseitegelegt. Da musste sich jemand einen Scherz erlaubt haben, der von ihrer tragischen Geschichte gehört hatte. Doch schliesslich nahm die Sehnsucht überhand: Was, wenn die Einladung echt wäre?

Schweigend gehen sie. Er hält die Frucht, sie die Einladung. Sie schauen sich nicht an – sie sind nackt und schämen sich. Beim Feigenbaum hatten sie kurz Halt gemacht, wollten einige Blätter pflücken, um damit die grossen Löcher in den Kleidern zu bedecken. Doch der Baum war bis zu den Wurzeln verdorrt. Jemand musste ihn verflucht haben.

Im Osten liegt der Garten. Die beiden halten Ausschau nach den mächtigen Engeln, die den Zugang zum Garten mit kreisenden Flammenschwertern versperren. Doch als sie den Eingang erreichen, stehen dort keine Engel mehr. Das offene Gartentor quietscht leise im Wind. Vorsichtig treten sie ein. Es fühlt sich verboten an, diesen Ort zu betreten.

Beinahe wären sie über das tote Tier gestolpert. Kalt und regungslos liegt es am Boden. Sein Kopf ist völlig zerschmettert, als wäre er mit einem Hammer zerschlagen worden. Blutverschmiert und in sich gekrümmt liegt die alte Schlange da. Neben ihr steht – breit grinsend – ein Mann in weissen Kleidern. An seinem rechten Fuss prangt eine grosse Narbe – das Zeichen einer vergangenen tödlichen Wunde. Der Mann blickt die beiden freundlich an und streckt seine Hände zum Mann aus, um die Frucht von ihm entgegenzunehmen.

Der Mann blickt auf die Frucht. Zwei Stücke sind herausgebissen worden, doch sie sieht immer noch frisch und verführerisch aus. Noch immer verspricht sie Leben und Unsterblichkeit, Erkenntnis von Gut und Böse. Es ist nicht einfach, sie loszulassen. Doch was hat sie ihnen gebracht ausser Tod und Unheil? Er streckt seine Hand aus und gibt die Frucht dem geheimnisvollen Mann. Dieser nimmt sie behutsam entgegen und winkt den beiden mit der Hand: «Kommt mit, ich führe euch zu ihm.»

Es ist Abend geworden. Nur leise rauscht der Wind durch die Blätter. Ein tiefer Friede legt sich auf den Garten. Der Mann geht voraus, die beiden Menschen folgen ihm. Der weiche Moosboden schmiegt sich an ihre zerschundenen Füsse und lässt die Schmerzen verschwinden. Der Mann bleibt stehen und zeigt nach vorne: «Er erwartet euch bereits.» Und da sehen sie ihn. Aus der Stille des Gartens kommt er ihnen langsam entgegen. Die beiden Menschen können sich nicht mehr halten. Sie laufen los, so schnell sie ihre alten Beine tragen. Er beginnt zu lachen, als sie auf ihn zulaufen. Innig schliesst er sie in seine Arme, umfasst ihre schrumpelige Haut. Alle drei weinen.

«Schön, dass ihr gekommen seid», sagt er, «heute Abend gibt es ein Fest. Ich habe weisse Kleider für euch mitgebracht. Es gibt Zuckerwatte und Limonade. Der Heilige Geist kommt auch und bringt einen Kuchen mit. Wenn es dunkel ist, machen wir ein Lagerfeuer. Und dann werden wir einander Geschichten und Witze erzählen. Und wir werden singen!» Verwundert schauen Adam und Eva zu Gott hoch. Dann schauen sie einander – zum ersten Mal seit Jahrtausenden – an. Sie sind wieder zu Kindern geworden.

Ist dieser Text nur eine törichte Spekulation? Eine haarscharf an der Häresie vorbeischrammende theologische Spinnerei? Oder könnte es tatsächlich wahr sein, dass die Gartentür wieder offen ist, dass Gott darauf wartet, dass seine alten Kinder wieder nach Hause kommen? Mach dich zurück auf den Weg und finde es heraus.

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Nur die Verrückten singen

Es ist höchst erstaunlich, dass wir unsere Gottesdienste so ruhig feiern können. Dass nicht in regelmässigen Abständen die Dächer unserer Gotteshäuser explodieren, die bemalten Kirchenfenster zerbersten, die Mikrofonständer der Anbetungsbands wie Wachs zerschmelzen und ganze Kirchtürme wie Raketen abheben. Es ist ausserordentlich verwunderlich, dass unsere Kirchen und Gemeinden nicht mit grossen Warnschildern versehen werden müssen: «Hier wohnt der lebendige Gott!» Dass wir sonntags gutgekleidet und in frommer Stimmung aufrecht in unseren Kirchenbänken sitzen können, ohne jeden Moment Erdbeben, Blitze und Donnerschall erwarten zu müssen.

Die Anbetungsband betritt die Bühne. Singt ein paar Lieder. Geht wieder runter.

Hast du dir schon einmal überlegt, wie hochgefährlich dieser Vorgang ist? Es ist mir völlig unverständlich, weshalb Anbetungsbands ohne Schutzausrüstung auf die Bühne geschickt werden. Kaum vorzustellen, was geschieht, wenn Gott in unseren Gottesdiensten auftaucht! Psalm 104 gibt eine Vorahnung davon: «Blickt er die Erde an, so erbebt sie; rührt er die Berge an, so stehen sie in Rauch.» (V. 32) Wenn er uns anblickt, sind wir alle geliefert. Wer ist in dieser Situation verrückt genug, auf die Bühne zu stehen und zu singen? Wollen wir etwas seine Aufmerksamkeit auf uns ziehen? Sollten wir nicht lieber unsere Schuhe ausziehen, leise zu unseren Plätze schleichen, uns unter unseren Stühlen verstecken und warten, bis der Gottesdienst vorbei ist? Eine Frage, die sich jeder Worshipper stellen sollte.

«Singen will ich dem Herrn mein Leben lang, will spielen meinem Gott, solange ich bin.» (V. 33): Das ist der darauffolgende Vers im Psalm 104. Der Gott, vor dem Berge wie Wachs zerschmelzen, liebt unsere Nähe. Der Gott, der ein verzehrendes Feuer ist, erlaubt uns, «mutig vor den Thron der Gnade» zu kommen (Hebr 4,16). Jesus hat diesen Weg geebnet. Wir können zum Gott von Psalm 104 kommen, ohne sterben zu müssen.

Lobpreis heisst: singen, obwohl man sprachlos sein sollte. Wer diese Sprachlosigkeit in der Gegenwart Gottes nie erlebt hat, sollte nicht auf der Lobpreisbühne stehen. Und wer nicht wie Jesaja angesichts der Heiligkeit Gottes sagen muss: «Wehe mir, ich bin verloren! Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen» (Jes 6,5), sollte nicht predigen.

Singen, predigen, Gottesdienst feiern: Das ist nur etwas für die Verrückten.

«Nun habt ihr Gott nicht so erfahren wie die Israeliten damals am Berg Sinai. Sie kamen zu einem Berg, den man berühren konnte, auf dem ein Feuer loderte und der in dunkle Wolken gehüllt war. Es herrschte Finsternis und es tobte ein Sturm. Es dröhnte wie eine riesige Posaune, und dann erschallte eine so gewaltige Stimme, dass sie dringend darum baten, kein weiteres Wort mehr hören zu müssen. Sie wichen zurück, als Gott anordnete: „Wenn auch nur ein Tier den Berg berührt, soll es gesteinigt werden.“ Das ganze Geschehen war so Furcht erregend, dass selbst Mose sagte: „Ich zittere vor Angst.“ Ihr dagegen seid zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes gekommen, zu dem Jerusalem im Himmel, wo sich unzählbare Engelscharen zu einem Fest versammelt haben. Ihr seid zur Gemeinde der erstgeborenen Kinder Gottes gekommen, deren Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Ihr seid zu Gott selbst gekommen, dem Richter von allen, und zu den Gerechten, die schon am Ziel sind, denn ihr Geist ist bei Gott. Ihr seid zu Jesus gekommen, dem Vermittler eines neuen Bundes, und zu dem Reinigungsblut, das viel besser redet als das Blut Abels.» (Hebr 12,18–24)

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Sitzen ist unbiblisch

Schnee draussen. Sonntagmorgengottesdienst. Der Welt entrückt. Deine Lieblingsband auf der Bühne. Atmosphäre. Die ersten drei Akkorde deines Lieblings-Worshipsongs. Vorhof zum Himmel. In der Ferne Engelsgesang. Die Stimmung ist perfekt. Deine Gedanken sammeln sich, du bist konzentriert. Tiefe Kontemplation. Alles andere wird unwichtig. Nur über das Eine sinnst du nach: «sitzen oder aufstehen?»

Du kennst das wahrscheinlich. Ich kenne es gut. Schliesslich will ich nicht, dass die andern mich für oberfromm halten, weil ich als Einziger stehe. Ich würde ja aufstehen, aber dann sehen die Leute hinter mir den Text nicht mehr. Knien? Hat man bei uns noch nie gemacht. Tanzen ist nur für Verrückte. Sich vor Gott niederwerfen? Heuchlerisch. Also gut, ich stehe auf – und spüre für den Rest der Lobpreiszeit die Blicke der anderen im Nacken. Schliesslich sollte gesessen werden.

Stehen, tanzen, knien, liegen, Hände heben? Man darf es und man darf es nicht. Unausgesprochener Kodex des Evangelikalismus.

Zeit für einen biblischen Kontrapunkt. Die Bibel kennt verschiedene Körperhaltungen der Anbetung:

  • «Kommt, lasst uns anbeten, uns beugen vor ihm! Lasst uns vor Jahwe knien, der uns erschuf!» (Ps 95,6)
  • «Auf, ihr Diener Jahwes, lobt den Namen Jahwes, die ihr steht im Hause Jahwes in der Nacht!» (Ps 134,1)
  • «Ich will nun, dass die Männer an jedem Versammlungsort beten und dabei ihre Hände mit reinem Gewissen erheben, frei von Zorn und Streit.» (1 Tim 2,8)
  • «Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm nieder und beteten es an.» (Mt 2,11)
  • «David tanzte mit ganzer Hingabe vor Jahwe her.» (2 Sam 6,14)

Nur eine Körperhaltung habe ich nirgends gefunden: Sitzen. «Lasst uns vor dem Herrn sitzen» steht nirgends. Sitzen ist unbiblisch. Vor dem Thron Gottes wird nicht gesessen. Wenn ein irdischer König dich besuchen würde, würdest du wohl auch aufstehen. Wie viel mehr, wenn der König aller Könige deine Kirche betritt?

Vor dem Thron Gottes wird nicht gesessen.

Du hast Angst, andere mit deinem Lobpreistanz vom Lobpreis abzulenken? Vielleicht lenkst du mit deinem unbeteiligten Sitzen andere vom Lobpreis ab. Du machst dich über andere lustig, weil ihre Lobpreis-Haltung ungeschickt aussieht? Frag mal Michal, ob das aus biblischer Sicht empfehlenswert ist (2 Sam 6,20–23).

Können wir uns darauf einigen, dass es in der Anbetung verschiedene Körperhaltungen geben darf? Und dass Gottesdienstbesucher – gerade in Zeiten, in denen der Gemeindegesang untersagt ist – die Freiheit haben, mit ihrem Körper Gott anzubeten? Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit! Meinetwegen auch die Freiheit, sitzen zu bleiben.

Vielleicht lenkst du mit deinem unbeteiligten Sitzen andere vom Lobpreis ab.

Wenn deine Gemeinde Livestream-Gottesdienste anbietet, bleib mal zu Hause und verfolge die Lobpreiszeit von deinem Wohnzimmer aus. Und dann tanze, knie, liege und hebe die Hände, was das Zeug hält. Nicht um eine Show zu veranstalten. Sondern um Gott anzubeten. Denn – und das geht schnell vergessen – in der Lobpreiszeit geht es um Gott.

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Über das Gebet

Der Theologe wird gleich etwas Wesentliches über das Gebet schreiben. Was es wohl sein wird…

  • Soll man frei beten, wie man gerade will, oder ist das zu willkürlich?
  • Muss man vor den Hauptmahlzeiten beten – und was ist mit den Zwischenmahlzeiten?
  • Ist «Ach Gott» schon ein Gebet oder ist das zu kurz?
  • Muss man das Mahlzeitengebet nachholen, wenn man es vergessen hat?
  • Darf man kürzer beten, wenn man schneller spricht, oder ist das nicht erlaubt?
  • Soll man beim Beten stehen, sitzen, liegen, knien?
  • Reicht es, abends zu beten, oder muss man morgens auch?
  • Sagt man Amen, damit Gott weiss, dass man fertig ist?
  • Soll man Gebete auswendig lernen, oder ist das zu monoton?
  • Sollte man die Hände falten? Und wenn ja, weshalb?
  • Wo soll man beten? Zuhause oder in der Natur?
  • Oder in der Kirche? Und wenn in der Kirche: in welcher?
  • Hilft es, wenn man zwei-, dreimal ein spontanes Halleluja einwirft?
  • Soll man leise beten oder laut?
  • Oder halbleise oder halblaut?
  • Darf man Gebete anderer Menschen ablesen, oder ist das zu oberflächlich?
  • Darf man Emotionen zeigen, wenn man betet?
  • Darf man beim Beten fluchen?
  • Darf man traurig sein oder fröhlich? Wütend oder enttäuscht?
  • Aber die Augen muss ich schliessen, das weiss ich.

Was wird der Theologe wohl über das Gebet sagen?

Gebet ist Beziehung. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Natürlich wird sich Gebet immer in Formen ausdrücken. Aber die Form ist nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist das Gegenüber – in diesem Fall Gott.

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Hochzeitsvorbereitungen

Männer, das können wir uns nicht vorstellen, wie viel Aufwand eine Frau betreibt, um für ihren Bräutigam umwerfend auszusehen. Wie sie voller Vorfreude Brautkleider anprobiert, ihre Haut gleichmässig bräunt, das beste Parfum kauft, passenden Schmuck und Schuhe aussucht, ihre Nägel lackiert, sich schminkt und am Hochzeitstag extra früh aufsteht, um sich beim Friseur die Haare machen zu lassen.

Um für ihren Bräutigam schön zu sein, gibt sie sich alle Mühe der Welt. Mühe? Nein, Vorfreude!

Unsere Hochzeit ist schon zehn Jahre her. Aber ich mag mich noch gut an den Moment erinnern, als ich meine Braut Delin am Hochzeitsmorgen zum ersten Mal im Brautkleid sah. Umwerfend schön sah sie aus. In dem Moment, als sie aus dem Haus kam, riss der bedeckte Wolkenhimmel auf und die Sonne brach wie ein Scheinwerfer hervor. Tausende schneeweisse Schmetterlinge flogen herbei und landeten sanft auf dem Boden um uns herum (gut, das mit den Schmetterlingen ist gelogen. Aber das mit der Sonne stimmt!). Ich war so baff, wie ein Bräutigam nur sein kann. Delin hatte sich für mich umwerfend schön gemacht.

Hast du schon einmal eine Braut gesehen, die das «Ja» ihres werdenden Bräutigams als Anlass genommen hat, sich nicht für die Hochzeit schön zu machen? Die sagt: «Wozu dieser Aufwand, wenn mich der Bräutigam sowieso heiraten wird?» Eine Braut, die noch wenige Stunden vor der Hochzeit faul und mit verfilzten Haaren vor dem Fernseher rumhängt, die statt einem Brautkleid zerrissene Kleider trägt und die seit drei Tagen nicht mehr geduscht hat?

Das ist so ungefähr die Argumentationslinie der billigen Gnade. Wenn sich Mitchristen auf die kommende Hochzeit mit Jesus vorbereiten, indem sie sich schminken und schön machen, steht die billige Gnade daneben und labert etwas von Gesetzlichkeit und Werksgerechtigkeit. Sie hat vergessen, dass eine Hochzeit bevorsteht. Sie sieht nur Mühe, weil sie die Vorfreude nicht kennt.

In diesem Sinn: Hallo, die Hochzeit kommt. Der Bräutigam kann vor Freude fast nicht mehr warten. Verlass deinen gemütlichen Platz auf dem Sofa und dann ab ins Brautmodengeschäft oder in die Kosmetikabteilung. Heute ist ein guter Tag, um mit den Hochzeitsvorbereitungen zu beginnen.

«Wir werden Jesus so sehen, wie er wirklich ist. Wer auf so etwas hofft, wird immer darauf achten, sich von Sünde zu reinigen, um rein zu sein wie er.» (1 Joh 3,2–3)

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Die Schönwetter-Schaf-Fraktion

Psalm 23 ist ja bekannt. Der Herr ist mein Hirte, wir sind die Schafe und so weiter. Was aber nur wenige wissen:

Die Fraktion der Schönwetter-Schafe ist dem guten Hirten nur bis zur grünen Aue gefolgt. Als er in Vers 4 nach einigen Stunden völlig unerwartet aufbrechen und durchs finstere Tal ziehen wollte, entstand ein Aufruhr in der Herdenfraktion: «Hier ist es viel zu schön, mäh, das Gras ist saftig und das Wasser frisch», blökten die Einen. «Wenn er mit uns durchs Todestal ziehen will, kann er nicht der gute Hirte sein!», meckerten die Anderen. Und so beschloss die Fraktion der Schönwetter-Schafe in einer demokratischen Mehrheitsentscheidung, den Hirten mit der restlichen Herde ziehen zu lassen.

Die anderen Schafe aber liefen dem Hirten nach und entfernten sich langsam von der grünen Wiese. Ein letzter Blick zurück auf das saftige Gras und den Bach, der sich im Talboden seinen verschlungenen Weg bahnte. Dann richteten sie ihren Blick fest auf den Hirten, der vor ihnen herging. Nur noch wenige Meter, dann wurde es düster. Das Tal des Todesschattens.

Er war da.

«Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.»

Zur Schönwetter-Schaf-Fraktion gehören? Die grünen Auen mehr lieben als den guten Hirten? Kann man machen. Aber kaum ein Schaf ist so dumm.

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Neulich im Wald

Heute Morgen habe ich meine Bibel geöffnet und bin ganz unverhofft in einem Wald gelandet. Ich meine nicht einen dieser normalen Wälder, in dem die Bäume brav nebeneinanderstehen und sich nicht bewegen. Hier sind die Bäume sehr lebendig. Wenn du in diesem Wald in die Hände klatschst, klatschen die Bäume zurück. Und die vorwitzigen jungen Buchen jubeln sogar. Die Luft scheint vor Freude zu vibrieren. Manchmal beginnt eine Fichte zu tanzen. Wild schüttelt sie sich und singt dazu ein Lied über Freude und Sehnsucht. Hier gibt es Bäume, die sind so hoch und würdevoll wie Kathedralen. Und Blumen, die in den unbeschreiblichsten Farben schillern.

Ich setze mich auf einen bemoosten Stein, um die Szene zu beobachten und die Stimmung in mich aufzunehmen. In diesem Moment beginnt der Stein unter mir so laut zu singen, dass ich vor Schreck auf den weichen Moosboden falle. Die uralte Eiche neben mir biegt sich vor Lachen und ich muss unwillkürlich mitlachen. Der Stein hat wohl schon lange nicht mehr gesungen und ist etwas aus der Übung gekommen. Aber er singt laut und fröhlich mit weit geöffnetem Mund von seinem langen Leben und dankt dem Schöpfer, der ihn gemacht hat. Aus seinem Lied erfahre ich, dass hier einmal eine Wüste war. Kein Baum, nicht einmal ein Strauch, konnte hier wachsen, bis Gott die Schleusen des Himmels und die Quellen der Erde öffnete. Laut singt der Stein davon, wie die ersten Gräser und Blumen wuchsen. Wie die durstigen Wüstentiere herbeikamen und gierig vom Wasser tranken. Wie die Bäume Wurzeln schlugen und wie der Wald entstand. Der Stein beendet sein Lied, aber es ist, als nehme der ganze Wald seine Melodie auf. In diesem Wald ist es auf seltsame Weise zugleich ruhig und laut.

Da höre ich Schritte. Ein Mann stapft laut fluchend durch den Wald. Auf seinem Rücken trägt er – mit Riemen befestigt – einen schweren, metallenen Aktenschrank. In der einen Hand hält er eine Polaroid-Kamera, mit der anderen Hand versucht er die vibrierende Luft von seinen Augen fernzuhalten. Auf seinem Kopf trägt er einen grossen gelben Ohrenschutz. Ich schaue mir sein schweres Gepäck genauer an. Der Aktenschrank besitzt unzählige alphabetisch sortierte Schubladen, jede von ihnen akribisch beschriftet. Der Mann scheint am Boden etwas zu suchen, sein Blick wandert umher. Da bleibt er unvermittelt vor einer Blume stehen, stellt seinen Aktenschrank mit einem dumpfen Schlag auf den Boden und schwingt seine Polaroid-Kamera herum. Schnell drückt er ab und wartet ungeduldig, bis die Kamera das Schwarzweissbild ausdruckt. Dann nimmt er einen Stift hervor und kritzelt auf die Rückseite des Bilds eine Bibelstelle. Mit seinem Finger fährt er am Schrank entlang, bis er die richtige Schublade gefunden hat. Er öffnet sie und legt das Bild hinein.

Dann legt er sich die Riemen wieder um die Schultern, steht mit lautem Ächzen auf und läuft mit schweren Schritten davon. Bald schon verschwindet er hinter dem nächsten Hügel. Der Mann wird keine Pause mehr einlegen, bis er den Wald verlassen hat und in seine sichere Studierstube eingekehrt ist. Dort wird er seinen Aktenschrank hinstellen, seine Fotos herausnehmen und sortieren. Dann wird er ein Plakat gestalten und die Leute zu einem Erzählabend einladen. Und er wird Bilder zeigen von einem schwarzweissen, unbewegten, stummen Wald und die Leute werden nicken und gähnen und Geld in den Korb legen und nach Hause gehen um fernzusehen.

Noch immer sitze ich im Moos. Die Bäume haben sich durch diesen Mann nicht vom Tanz abbringen lassen. Der Stein neben mir blickt mit seinen grossen Augen in die Ferne und denkt sich ein nächstes Lied aus. Der arme Mann. Er hat nicht gesehen, wie die Bäume tanzen. Er hat das Lied des Steins nicht gehört.

Und gerade als der Stein seinen Mund wieder öffnet, um laut loszusingen, fasse ich einen Entschluss: Sobald ich wieder zu Hause bin, werde ich meinen eigenen Aktenschrank mit all den mickrigen Schwarzweissfotos verbrennen. Meine Polaroidkamera werde ich mit aller Kraft an die Wand werfen, bis sie zerspringt. Ich werde meine Studierstube im kalten Steingebäude räumen und hierher in den Wald ziehen. Und ich werde aufhören mit den Erzählabenden. Stattdessen werde ich die Menschen hierher einladen, damit sie den Wald mit ihren eigenen Augen sehen.

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Der Liebesbeweis

Im Lauf der Kirchengeschichte wurde immer wieder versucht, Gott zu beweisen. Mit spitzfindigen Argumenten wurde darüber debattiert, ob es Gott geben muss. Auf jeden sogenannten Gottesbeweis folgten Gegenargumente. Schon unzählige Male wurde die Existenz Gottes auf diese Weise bewiesen und widerlegt – manchmal sogar von ein und demselben Philosophen.

Der Beweis, den Gott gibt, ist ganz anders. Er ist kein rationales Argument und kein philosophisches Gerüst. Er ist eine Tat. Sein Sohn lässt sich auf einem kargen Hügel ausserhalb Jerusalems an ein Kreuz nageln und stirbt. Für die rational denkenden Griechen war der gekreuzigte Christus eine Dummheit, für die Juden ein Ärgernis (vgl. 1 Kor 1,23). Das Kreuz ist nicht ein unbezwingbares Argument, das jeder Mensch intellektuell anerkennen muss. Es ist überhaupt kein Gottesbeweis. Es liegt gerade im Wesen der Liebe, dass sie sich nicht aufdrängt und zum Glauben zwingt. Aber das Kreuz ist ein Liebesbeweis Gottes für jeden, der glaubt.

«Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.» – Röm 5,8

Hier weiss ich, dass ich weiss, dass Gott mich liebt. Mit seinem Sohn gibt Gott sein Höchstes für uns hin. Weiter «kann» er nicht gehen. Es gibt kein grösseres Opfer, kein kostbareres Geschenk. Gott hat uns nichts vorenthalten. Er hat keinen Plan B, den er anwenden kann, falls diese Strategie nicht aufgeht. Er hat alles gegeben.

Wer das glaubt, steht vor dem Kreuz und erfährt Gottes Liebe. Er wird von der Beweislast überwältigt. Ein Gott, der sein Höchstes für mich hingibt – dem kann ich vertrauen. Dass Gott mich liebt, erspüre ich nicht primär in meiner Magengegend, sondern ich erfahre es auf dem Hügel ausserhalb Jerusalems. Hier sehe ich, wie Gottes Sohn aus Liebe zu mir stirbt. Hier werde ich Zeuge davon, wie Gott den Anker seiner Liebe für immer in die Weltgeschichte rammt. Wer auf diesem Hügel steht und Zeuge davon wird, was hier geschieht, wird nie mehr derselbe sein.

Niemand versteht in der Tiefe, was hier passiert

Vor dem Kreuz stehen nur Sünder: Die Römer, die Pharisäer, die Priester, die Jünger und – wir. Wir kommen nicht als selbstgerechte, gute Menschen vors Kreuz Der Liebesbeweis Gottes gilt uns schon, «als wir noch Sünder waren.» Der Weg zum Kreuz ist mit keinen Vorbedingungen gepflastert. Keine Anstrengung, kein Bemühen um Heiligkeit ebnet uns den Weg zum Kreuz oder verschafft uns Gottes Liebe.

«Denn Christus ist ja, als wir nach Lage der Dinge noch schwach waren, für Gottlose gestorben.» – Röm 5,6

Das ist keine Winnetou-Liebe. Im berühmten Western wirft sich der Apache-Indianer Winnetou heroisch vor seinen Freund Old Shatterhand, während ein Feind auf diesen schiesst. Winnetou fängt die Kugel ab, die für Old Shatterhand bestimmt war. Kurz darauf stirbt er in den Armen seines Freundes.

Bildnachweis: www.youtube.com

«Denn kaum wird jemand für einen Gerechten den Tod erleiden – doch für den Guten entschliesst sich vielleicht noch jemand dazu, sogar sein Leben hinzugeben.» – Röm 5,7

Natürlich ist das eine heldenhafte, selbstlose Tat von Winnetou. Und wir kennen diese Art von Aufopferung wohl auch in unseren Beziehungen, auch wenn es nicht gerade um Leben oder Tod geht. Aber die Liebe, die Jesus am Kreuz zeigt, geht noch viel tiefer. Er stirbt für Sünder und Gottlose. Niemand applaudiert. Niemand versteht in der Tiefe, was hier passiert. Einige lachen, einige weinen. Aber niemand hat dieses Opfer verdient. Jesus stirbt nicht den Tod eines Helden, sondern den Tod eines Verbrechers.Es liegt in der Dynamik der göttlichen Liebe, dass sie sich in der Finsternis zeigt. Dass sie am hellsten leuchtet, wenn sie von Dunkelheit, Hass und Unverständnis umgeben ist.

«Und das Licht leuchtet in der Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht ergriffen.» (Joh 1,5)

Es ist diese Situation der finsteren Welt, in die das Licht Gottes hereingebrochen ist. Ein kleines Licht, ein einzelner Mensch. Aber die Finsternis konnte das Licht nicht überwinden. Die Liebe Gottes ist stärker als aller Hass dieser Welt. Auch wenn es in der Kreuz-Szene vordergründig so aussieht, als würde der Hass siegen: Das Gegenteil ist der Fall. Mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung bahnt Jesus Christus einen Weg. Er öffnet eine Türe, durch die wir in die Welt der Liebe des Vaters eintreten können. Der Moment, den die Finsternis als ihren grössten Sieg zu verzeichnen glaubte, wird zum Triumph der göttlichen Liebe.

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Liebe macht sich verletzlich

Wenn du Gottes Liebe kennen lernen willst, kommst du am Kreuz nicht vorbei. Gott öffnet nicht einfach den Himmel und ruft dann ein lautes «Ich liebe dich!» in diese Welt hinaus. Er pflanzt auch nicht ein allgemeines, diffuses Gott-liebt-mich-Gefühl in die Herzen aller Menschen. Die Liebe Gottes ist keine abstrakte, philosophische Tatsache, die er den Dichtern und Denkern überlassen hat, damit sie sie gedanklich durchdringen.

Der Weg, auf dem Gott uns seine Liebe zeigt, endet für seinen Sohn mit einem schmachvollen, schmerzhaften Tod am Kreuz. Es sagt viel über die Tiefe unserer Verlorenheit aus, dass Gottes Sohn für uns sterben musste.
Kurz vor seinem Tod betete Jesus im Garten Gethsemane inbrünstig. Blut und Schweiss tropften auf die Erde. Sein Gesicht war von Entsetzen und Grauen gezeichnet. Er rang mit seinem Vater. Jesus wusste, was ihm bevorstand. Er kannte den hohen Preis der Liebe.

«Mein Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!» – Mt 26,39

Doch es gab keinen anderen Weg. Keine Abkürzung. Der Weg der Liebe führte am Kreuz vorbei.

Jesus hing praktisch nackt am Kreuz, mitten unter Verbrechern. Es ist einfach, sich über diese Szene lustig zu machen. Am Kreuz zu stehen und Witze zu reissen. Dem Mann am Kreuz zuzurufen: «Komm doch herunter, wenn du es kannst!», oder: «Anderen konnte er helfen, sich selbst kann er nicht helfen!». Es ist einfach, ein Schild mit dem zynisch gemeinten Satz «Dies ist der König der Juden» über dem Kreuz anzubringen und Jesus ins Lächerliche zu ziehen. Liebe macht sich verletzlich. Auch das ist der Preis der Liebe.

In Rom wurde ein uraltes Graffiti entdeckt, das rund 100 Jahre nach dem Tod von Jesus an eine Wand gekritzelt wurde. Es zeigt einen Esel, der am Kreuz hängt. Ein Mann steht vor dem Kreuz. Unter dem Bild steht: «Alexamenos betet seinen Gott an.» Ein Esel-Gott. Das Kreuz war für viele gebildete Römer eine lächerliche Dummheit.

Es ist einfach, sich über das Kreuz lustig zu machen. Aber ist es nicht gerade das Wesen der Liebe, dass man sie auslachen, schmähen und ablehnen kann? Wenn ein Mensch verliebt ist, versucht er seine Liebe zu zeigen: mit einem Liebesbrief, einem Date oder einem Blumenstrauss. Dadurch macht er sich verletzlich. Liebe kann nicht fordern. Sie kann nur um Gegenliebe werben. Diese Liebe kann abgelehnt oder sogar lächerlich gemacht werden. Liebesbriefe können herumgereicht oder ins Internet gestellt werden, Es ist einfach, jemanden zu beschämen, der seine Liebe zeigt.

Aber gerade darin liegt die Kraft des Kreuzes. Weil die Liebe sich hier so verletzlich macht, ist sie unglaublich stark. Weil Jesus der Scham nicht ausweicht, weil er den Schmerz und die Verlassenheit am Kreuz erträgt – gerade darum trägt die Liebe hier ihren grössten Sieg davon. Was für ein Gott, der gleichzeitig stark und verletzlich ist.

«Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.» – Joh 3,16

PS: Ich soll dir herzliche Grüsse von Gott übermitteln. Er lässt dir ausrichten, dass er dich wahnsinnig liebt. Dass er sich freut, wenn du dich wieder einmal bei ihm meldest 🙂

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Für ein Wunder beten

Ich habe das wunderfreie und erwartungslose Christentum so satt. Ein Christentum, das – noch bevor jemand für Heilung gebetet hat – schon mal präventiv erklärt, warum ein übernatürliches Eingreifen Gottes theologisch gesehen höchst unwahrscheinlich ist. Das es als seine Aufgabe ansieht, allenthalben die Erwartungen an ein Wunder zu dämpfen. Das sich in verzweifeltem Mut vor Gott hinstellt und ihn dafür in Schutz nehmen will, dass er sich aus der Welt zurückgezogen hat. Sind wir etwa Botschafter der Lethargie Gottes?

Ich gehöre auch zu diesen mehrheitlich wunderlosen Christen. Wenn ich die Wunderberichte der Evangelien und der Apostelgeschichte lese, frage ich mich ernsthaft, welche falsche Abzweigung wir genommen haben. Damals waren Wunder und Heilungen der Normalfall. Heute sind wir meilenweit davon entfernt.

Deshalb plädiere ich dafür, dass wir wieder für Wunder beten. Damit meine ich nicht das durchschnittliche «Herr-du-weisst-Paul-ist-krank»-Gebet. Der Herr weiss bereits, dass Paul krank ist. Aber warum kommen wir so selten darüber hinaus? Warum ist «Herr, sei du bei ihm» oft die kühnste Bitte, die wir für leidende Menschen wie Paul hervorbringen?

Weil wir Angst haben.

Angst, dass nichts passiert

Stell dir vor, du hast soeben für Paul gebetet. Laut und mutig hast du ein Heilungswunder für ihn in Anspruch genommen. Dein Amen verhallt im Raum und alle Augen ruhen auf dir. Du erhebst dich und fragst Paul, der vor dir auf dem Stuhl sitzt, ob es ihm besser geht. Er schüttelt nur den Kopf. In seinen schmerzverzerrten Augen siehst du, dass es wieder nicht geklappt hat.

Diese Situation kommt leider vor. Und sie stellt uns vor schwierige Fragen: Ist es nicht Gottes Wille, dass Paul geheilt wird? Hat er zu wenig Glauben? Oder habe ich zu wenig Vollmacht? War die Atmosphäre nicht gut genug? Verschweigt Paul eine verdeckte Sünde in seinem Leben?

Ich plädiere dafür, dass wir nicht zu schnell beurteilen, warum ein Wunder manchmal geschieht und manchmal nicht. Platte Erklärungsmuster («Du hast einfach zu wenig Glauben!», «Du hast Sünde in deinem Leben!», «Deine Gemeinde glaubt zu wenig!») sind nie hilfreich. Oft fügt man damit der leidenden Person noch tiefere Verletzungen zu. Glaub mir: Eine leidende Person hat sich in der Regel schon tausendmal den Kopf darüber zerbrochen, warum sie in dieser Situation steckt. Deine gutgemeinten Patentrezepte, warum Heilung bisher nicht eingetroffen ist, sind nicht gefragt!

Was machst du also, wenn Heilung nicht eintritt? Wenn Paul immer noch krank vor dir sitzt und du siehst, wie Selbstzweifel in ihm aufkommen? Dann umarmst du ihn. Sprichst ihm zu, dass Gott ihn liebt. Versprichst ihm, dass du in seinem Team bist und weiterhin für ihn beten wirst. Kein Wort der Anklage kommt über deine Lippen. Deine Verzweiflung und dein Klagen über das nicht eingetroffene Wunder deponierst du bei Gott, dort ist es gut aufgehoben.

Ich will auf eine Art und Weise für Menschen beten, dass sie gesegnet werden, egal wie das «Resultat» aussieht. Wenn die Heilung eintritt, ist der Segen offensichtlich: Paul und ich machen die Sektflasche auf und feiern unsern Gott. Und wenn die Heilung nicht eintritt, gibt es keinen Raum zur Anklage. Weder gegenüber der leidenden Person noch gegenüber dem Beter.

Die Gleichung der Krankheit

Die Gleichung, warum Krankheit entsteht, ist zu kompliziert, als dass ein Mensch sie lösen könnte. Hier spielen zu viele geistliche, seelische und körperliche Faktoren mit. Manchmal gibt uns Gott Einblicke und zeigt Lösungswege auf – bei uns oder bei anderen Personen. Dann ist es natürlich hilfreich, dieser Spur nachzugehen. Aber an Patentrezepte glaube ich dennoch nicht.

Ich will zu denen gehören, die mit jeder Faser ihres Körpers an ein Wunder glauben, die aber, wenn das Wunder nicht eintrifft, keinen Augenblick an der Güte Gottes zweifeln. Die nicht eine Sekunde lang die Schuld bei der kranken Person suchen oder ihre wohlformulierten Erklärungsmuster zum Besten geben, warum es diesmal nicht funktioniert hat.

Wer sagt: «Ja, das ist jetzt einfach der liebe (?) Gott, der dich so leiden lässt, damit du stärker wirst», setzt sich auf den Richterstuhl, indem er versucht, dem Kranken seine Krankheit zu erklären. Er wird diesen Richterstuhl sehr schnell und sehr leise verlassen müssen, wenn der lebendige Gott kommt. Es steht uns nicht an, über den anderen zu urteilen, nur weil er krank ist. Wer das nicht glaubt, hat das Buch Hiob wahlweise nicht gelesen oder nicht verstanden.

Aufbruch im Zerbruch

Also: Du musst nicht eine rücksichtslose Halleluja-Dampfwalze werden, die jeden für geheilt erklärt und dann triumphierend ihres Weges zieht – und dabei ein Trümmerfeld hinterlässt. Du musst aber auch nicht in ein wunderfreies Jammerchristentum absinken, das in fatalistischer Einfältigkeit jede Krankheit und jedes Leiden als gottgegeben abnickt. Es gibt einen Weg, der Grosses von Gott erwartet und gleichzeitig, wenn das Wunder nicht eintritt, zu keinem Zeitpunkt das Vertrauen in ihn verliert.

Lasst uns den Aufbruch wählen, der den Zerbruch aushalten kann. Und lasst uns mehr für Kranke beten!

Was sind deine erfreulichen oder schwierigen Erfahrungen mit Heilungsgebet? Hast du ein Wunder erlebt? Hinterlass deinen Komentar!

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Willkommen in der Dreieinigkeit

Stell dir vor, du sitzt gemütlich auf deinem Sofa. Es ist ein Spätsommertag im August. Deine Katze hat es sich auf deinem Schoss gemütlich gemacht und schnurrt leise vor sich hin. Auf dem Beistelltisch steht eine Tasse dampfender Kräutertee. In deiner Hand hältst du das elektronische Gerät deiner Wahl und liest diesen Blogbeitrag.

Plötzlich strahlt ein helles Licht auf. Ein lautes Geräusch, tief wie Donnergrollen und hoch wie Engelsgesang erfüllt den Raum. Die Luft beginnt zu glitzern. Da fährt ein unsichtbarer Blitz durch deine Wohnung und lädt die Atmosphäre auf. Mit einem lauten Knall explodiert die Teetasse auf dem Tisch. Deine Katze plumpst ohnmächtig vom Sofa und landet weich auf dem Teppich.

Erschrocken ziehst du die Beine an den Körper und richtest deinen Blick auf die Mitte des Zimmers. Das seltsame Glitzern sammelt sich zu einem Wirbelwind und erfüllt den ganzen Raum. Und dann geschieht es. Noch bevor du dir theologisch darüber Rechenschaft ablegen kannst, ob Gott das heute noch darf, hörst du laut und klar seine Stimme, wie er aus dem undurchdringlichen Licht heraus zu dir spricht.

Wenn Gott den Himmel öffnet

Noch nie erlebt? Ich auch nicht, obwohl das bei meinem Gott durchaus im Bereich des Möglichen wäre. Es geschieht nicht alle Tage, dass Gott hörbar zu uns spricht. Das ist kein neues Phänomen. Auch in der Bibel kommt es selten vor, zumindest wenn es um eine grössere Gruppe von Menschen geht. Man kann die Stellen in der Bibel, in denen Gott den Himmel öffnet und hörbar zu seinem Volk spricht, an einer Hand abzählen.

Als Gott aus dem von Wolken, Rauch und Donnergrollen umgebenen Berg Sinai zum Volk Israel redete, bekam es solche Angst, dass es kurzerhand Mose als Mittler einsetzte. Er solle mit Gott reden, alles andere sei – so beschloss man – zu gefährlich: «Gott soll nicht mit uns reden, sonst sterben wir!» (Ex 19,19).

Dann blieb es lange Zeit ruhig. Der Himmel öffnete sich nicht mehr. Gott sprach zwar – aber nicht direkt zum Volk, sondern durch seine Propheten. Selbst als das Volk sich von Gott abwandte und begann, fremden Göttern zu opfern, selbst als sie ihre eigenen Kinder auf den Altar des Moloch legten, öffnete sich der Himmel nicht. Gott hatte sehr wohl etwas dazu zu sagen, aber er tat es nicht direkt.

Jahrhunderte vergingen.

Und dann geschah es.

Welche Botschaft würde genug wichtig sein, dass Gott wiederum den Himmel öffnet und spricht?

«Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.» (Lk 3,22)

Ganz de Bappe

Gott spricht diese Worte, während Jesus sich taufen lässt. Und wir spüren: Hier kommt etwas radikal Neues. Dass Gott einen Sohn hat, wusste man im Alten Testament noch nicht – auch wenn Spuren davon schon darin angelegt sind. Aber nun sagt es Gott klipp und klar: Ich habe einen Sohn. Und ich liebe ihn.

Und so macht es nur Sinn, dass der «Vater» eines der Hauptthemen von Jesus ist. Jesus kam, um den Vater zu offenbaren (vgl. Joh 1,18). Kein anderes Thema birgt so viel Zündstoff. Mit Jesus als Wundertäter konnten die religiösen Führer seiner Zeit gut umgehen (vgl. Joh 3,2). Aber wenn Jesus betonte, dass er der Sohn Gottes und damit Gott selbst sei, suchten die Pharisäer in der Regel einige faustgrosse Steine am Strassenrand, um diesen blasphemischen Zimmermann an Ort und Stelle zu töten.

Zur Weissglut trieb Jesus die religiösen Führer, als er behauptete: «Ich und der Vater sind eins!«» (Joh 10,30) Er behauptete allen Ernstes, dass er das Wesen des Vaters so akkurat widerspiegle, dass die Menschen in ihm den Vater sähen: ganz de Bappe. Es wurde wieder Zeit für die Steinsuche: «Da holten die Juden wieder Steine herbei, um ihn zu steinigen.»

Ein Raum öffnet sich

Im Johannesevangelium spricht Jesus unzählige Male über den Vater. Wer selbst nachlesen will: Joh 5,37; 6,46; 7,29–30 und 8,19 sind nur eine kleine Auswahl. Obwohl der kollektive Hass auf ihn zunimmt, lässt er von diesem Thema nicht ab. Dann, im Kapitel 17, geht er noch einen Schritt weiter. Er spricht nicht mehr über, sondern mit dem Vater. Gott spricht mit Gott und wir dürfen dabeisitzen und zuhören. Worüber redet Jesus mit seinem Vater? Über uns!

«Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort zum Glauben an mich kommen, daß sie alle eins seien; wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so laß auch sie in uns eins sein […]» (Joh 17,20–21)

Hier geschieht das Unglaubliche. Darf ich es ketzerisch formulieren: Jesus öffnet die Dreieinigkeit für uns. Er nimmt uns mit hinein in die Beziehung, die er mit dem Vater hat. Dieselbe tiefe Qualität der Beziehung, die der Vater und der Sohn zusammen haben, sollen auch wir mit ihnen haben. Jesus führt dich in den Raum, in dem sich die stärkste Kraft, das grösste Geheimnis, die tiefste und innigste Beziehung des Universums befindet. Und er lädt dich ein, dort zu bleiben. Willkommen in der Dreieinigkeit. Natürlich wirst du dadurch nicht Gott. Aber du darfst in den Raum der Dreieinigkeit eintreten, Gemeinschaft mit Gott haben.

Du spielst eine Rolle in diesem Raum, in diesem Geschehen. Du bist nicht nur ein unbeteiligter Zuschauer, sondern ein Sohn, eine Tochter. Der Vater von Jesus ist dein Vater. Als Kind Gottes bist du mit allen Rechten und Pflichten ausgestattet, die damit verbunden sind. Mit der Autorität einer Tochter und eines Sohnes.

Jetzt schliesst sich der Kreis, der mit der Taufe Jesu begonnen hat. Die Liebe, die zwischen dem Vater und dem Sohn herrscht, öffnet sich für dich. Mit derselben Qualität der Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt, liebt Gott dich. Tritt ein in das Beziehungsgeschehen, das Jesus für dich geöffnet hat. Komm in diesen Raum.

Der eine Weg

«Jesus antwortete ihm: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Nur Jesus führt zum Vater. Nur Jesus führt in diesen Raum der Dreieinigkeit. Damit verbunden ist auch eine Warnung: Verlier Jesus aus dem Blick und der Weg zum Vater, der Weg zur Herrlichkeit ist versperrt. Deine Predigt und dein Wirken verlieren an Substanz. Dabei ist es völlig belanglos, welches Thema das Vakuum füllt, das entstanden ist: psychologische Tipps zur Lebenshilfe, politische Ideale oder moralisch korrektes Handeln. Nimm Jesus aus einer Gemeinde und sie fällt in sich zusammen oder – was noch schlimmer ist – sie überlebt als religiöse Parodie ihrer selbst. Aber gib Jesus in jede beliebige Gruppe, in deine Familie und deine Schulklasse, in den Turnverein oder in die Fasnachtsclique, in deinen Freundeskreis oder dein Arbeitsumfeld und du hast faktisch eine Gemeinde, auch wenn sie auf dem Papier keine Gemeinde sein mag und auch keine Papier-Gemeinde sein muss.

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Das wichtigste Gebot

Gott hat uns eine To-Do-Liste geschrieben. Das, was ihm wirklich wichtig ist, steht an oberster Stelle. Gleich zwei Gebote erhalten die oberste Prioritäts-Stufe:


a) liebe Gott und
b) liebe deinen Nächsten.


Es ist ein wenig riskant, zwei Gebote an den ersten Platz zu stellen. Was ist, wenn die beiden Gebote miteinander in Konflikt geraten – ist es dann mir selbst überlassen, zu entscheiden, welches Gebot ich erfülle und welches ich vernachlässige? Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Leben – nicht immer kann man sich Gott und den Menschen gleichzeitig widmen. Sagt nicht Jesus selbst, dass wir uns Zeiten beiseite nehmen sollen, in denen wir die Tür hinter uns abschliessen, um allein mit dem Vater zu sein (vgl. Mt 6,6)? Was ist, wenn genau in dieser Zeit jemand an deine Türe klopft und deiner Hilfe bedarf? Darfst du dann das Gebot der Menschenliebe vernachlässigen, um das Gebot der Gottesliebe zu erfüllen? Es gibt auch den umgekehrten Fall: Du stehst gerade hüfthoch in der Arbeit für andere Menschen, kümmerst dich liebevoll um Bedürftige, und hörst dann den Ruf Gottes: «Komm, lass die Arbeit hinter dir, setz dich zu mir und schenk mir deine Aufmerksamkeit». Wie verhältst du dich dann?

Fade Religiosität
Jesus selbst geht auf diese Fragen ein. Auf seinem Weg nach Jerusalem wird er von einem Gesetzeslehrer gefragt, wie denn Gottes oberste Punkte auf der To-Do-Liste aussehen:

«Da trat ein Gesetzeslehrer auf, um ihn zu versuchen, und fragte: »Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu ererben?« Jesus erwiderte ihm: »Was steht im Gesetz geschrieben? Wie lauten da die Worte?« Er gab zur Antwort: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Denken« und »deinen Nächsten wie dich selbst«. Jesus sagte zu ihm: »Du hast richtig geantwortet; tu das, so wirst du leben!«» (Lk 10,25-28)

Der Gesetzeslehrer gibt die korrekte Antwort. Er weiss, was Gott am wichtigsten ist. Mit dem zweiten Gebot hat er allerdings Mühe. Er antwortet:

«Jener wollte sich aber rechtfertigen und sagte zu Jesus: »Ja, wer ist denn mein Nächster?«» (Lk 10,29)

Daraufhin erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter:

«Da erwiderte Jesus: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände; die plünderten ihn aus, schlugen ihn blutig, ließen ihn halbtot liegen und gingen davon. Zufällig kam ein Priester jene Straße hinabgezogen und sah ihn liegen, ging aber vorüber. Ebenso kam auch ein Levit an die Stelle und sah ihn, ging aber vorüber.» (Lk 10,30-32)

Im Priester und Leviten erkennt sich der Gesetzeslehrer wieder. Der Job eines Priesters besteht darin, stundenlang vor Gott im Tempel zu sein und ihm zu dienen. Die Priester und Leviten werden vom Volk finanziell freigesetzt und ausgesondert, um ihr Leben ganz Gott hinzugeben. Niemand kann Gott besser, reiner, hingegebener dienen als sie. Wenn jemand das erste Gebot der Liebe zu Gott erfüllen kann, dann die Priester und Leviten. Doch in dieser Geschichte versagen sie kläglich.

«Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam in seine Nähe, und als er ihn sah, fühlte er Mitleid mit ihm; er trat an ihn heran und verband ihm die Wunden, wobei er Öl und Wein darauf goß; dann setzte er ihn auf sein Maultier, brachte ihn in eine Herberge und verpflegte ihn. Am folgenden Morgen holte er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sagte: ›Verpflege ihn, und was es dich etwa mehr kostet, will ich dir bei meiner Rückkehr ersetzen.‹» (Lk 10,33-35)

Die Samariter sind ein Mischvolk: halb israelitisch, halb heidnisch. Von den Juden werden sie nicht anerkannt. Die Samariter lehnen den grössten Teil des Alten Testaments ab – nur die fünf Bücher Mose akzeptieren sie. Ihre heilige Stätte ist nicht Jerusalem, sondern der Berg Garizim. Jesus selbst attestiert ihnen, dass sie «anbeten, was sie nicht kennen» (Joh 4,22). Von wahrer Gottesliebe kann bei einem Samariter keine Rede sein. Und doch ist es ein Vertreter dieses Volkes, der im Gleichnis richtig handelt und das Gebot der Nächstenliebe erfüllt. Jesus lobt ihn und empfiehlt dem Gesetzeslehrer, ebenso zu handeln (vgl. V. 36–37).

Fazit: Religiosität ohne Nächstenliebe hat einen faden Beigeschmack. Kein vollzeitlicher Mitarbeiter, kein gesalbter Prediger, kein hingegebener Gebetshausmissionar kommt am Gleichnis vom barmherzigen Samariter vorbei. Es muss uns als Warnung dienen, dass wir vor lauter Dienst an Gott nicht die Liebe zu den Menschen vergessen.

Rastlose Nächstenliebe
Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Aber sie geht – und das ist für das Lukasevangelium typisch – weiter und nimmt eine interessante Wendung:

«Als sie dann weiterwanderten, kam er in ein Dorf, und eine Frau namens Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Diese hatte eine Schwester namens Maria, die sich zu den Füßen des Herrn niederließ und seinen Worten zuhörte; Martha dagegen ließ sich durch vielerlei Dienstleistungen für die Bewirtung in Anspruch nehmen. Nun trat sie zu ihm und sagte: »Herr, machst du dir nichts daraus, dass meine Schwester die Bedienung mir allein überlassen hat? Sage ihr doch, sie möge mir zur Hand gehen!«» (Lk 10,38–40)

«Natürlich!» müssen wir mit Martha ausrufen. Diese fade, tatenlose Religiosität Marias ist ja kaum auszuhalten. Sie sitzt im Wohnzimmer, während sich in der Küche das Geschirr türmt. Damit ist Maria doch keinen Deut besser als der Priester und der Levit im Gleichnis! In der Überzeugung, im Recht zu sein, platzt Martha in das Wohnzimmer und unterbricht die Predigt von Jesus. Wird Jesus die faule Maria zurechtweisen und in die Küche schicken?

«Aber der Herr gab ihr zur Antwort: »Martha, Martha! Du machst dir Sorge und Unruhe um vielerlei; aber nur eins ist nötig. Denn Maria hat das gute Teil erwählt: das soll ihr nicht genommen werden.«» (Lk 10,41-42)

Jesus bremst die rastlose Nächstenliebe Marthas aus. Er lädt sie ein, zur Ruhe zu kommen und sich hinzusetzen. Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgeht. Wird Martha sich hinsetzen und Jesus zuhören? Auf jeden Fall ist Maria bei den Füssen von Jesus sitzengeblieben und hört ihm weiter zu.

Fazit: Du willst nicht in der Küche sein, wenn Jesus in deinem Wohnzimmer sitzt. Kein Sozialdiakon, kein hingegebener Diener, kein mächtiger Macher vor dem Herrn kommt an der Geschichte von Maria und Martha vorbei. Sie muss uns als Warnung dienen, dass wir vor lauter Dienst an den Menschen nicht die Liebe zu Gott vergessen.

Göttliche Neuausrichtung
Hast du dich in einer der Geschichten wiedererkannt? Wo hast du die Balance verlassen und belastest nur noch einseitig? Wo bist du aus der Symmetrie geraten? Wie sieht deine Schonhaltung aus? Stell dir vor, dass der Heilige Geist wie ein göttlicher Physiotherapeut vor dir steht und dich neu ausrichtet. Die Schonhaltung der Priester und Leviten, die sich ihre Finger nicht verschmutzen und sich an einem Halbtoten nicht verunreinigen wollen, wird in dir korrigiert. Aber auch die Martha in dir, die in rastloser Nächstenliebe alles für Gott tut, ohne mit ihm Gemeinschaft zu haben, darf aus ihrer falschen Haltung herauskommen und heil werden.

Wirklich stark, lebendig und kraftvoll wird es, wenn wir beide Gebote erfüllen. Und wenn wir uns nicht hinter einem Gebot verstecken, um das andere nicht erfüllen zu müssen.

Was machst du also, wenn jemand in deiner Gebetszeit an die Türe klopft und etwas von dir will? Dann versteck dich nicht. Nicht vor Gott, indem du die erstbeste Ausrede suchst, um seine Gegenwart zu verlassen. Nicht vor den Menschen, indem du dich im stillen Kämmerchen einschliesst, um ihre Not zu verdrängen. Ob du die Türe dann öffnen wirst oder nicht, kann ich nicht beantworten.

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Der Gott der 1000 Generationen

Hast du dir schon mal überlegt, dass du Menschen prägen kannst, die erst in 20’000 Jahren leben werden? Cool, nicht? Gott ist ein Gott der Generationen. Seine Pläne übersteigen die Momentaufnahme deines Lebens bei weitem.
«Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen noch irgendein Abbild weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unterhalb der Erde ist! Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Verschuldung der Väter heimsucht an den Kindern, an den Enkeln und Urenkeln bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist an Tausenden von Nachkommen derer, die mich lieben und meine Gebote halten.» Ex 20,4–6

Fluchlinien

Zuerst die schlechte Nachricht: Sünde pflanzt sich durch die Generationen hindurch fort. Falsche Lebensentscheidungen, die ein Mensch trifft, können in den drei oder vier kommenden Generationen nachwirken. Vielleicht kennst du das in deiner eigenen Familie: Es gibt Familiensysteme, die sind Biotope des Hasses oder der Manipulation. Der jähzornige Vater oder die manipulative Grossmutter vergiftet die gesamte Familienkultur. Wer in so einem Biotop aufgewachsen ist und diese Verhaltensweisen von Kind auf erlernt hat, wird oft einen langen Weg zu gehen haben, um auf gesunde Art und Weise Beziehungen zu leben. Zum Glück ist das möglich! Doch nicht immer sind diese giftigen Biotope offensichtlich: Neben den dramatischen, offensichtlich zerrütteten Familiensituationen gibt es viele vordergründig intakte Systeme, die aber ihre eigene Schräglage aufweisen und sie von Generation zu Generation weitergeben. Niemand von uns wächst in einem neutralen Raum auf. Fast jede Familie trägt Anteile eines solchen vergifteten Biotops in sich.

Die Fluchlinie wird ausgelöst von denen, die «Gott hassen». Der Hass auf Gott kann verschiedene Formen annehmen. Manchmal ist es eine klar formulierte Ablehnung Gottes – manchmal ist es auch subtiler. Im Kontext unseres Verses sind diejenigen Menschen gemeint, die einen Götzen «anbeten und sich vor ihm niederwerfen». Nicht immer ist das offensichtlich. Die Götterwelt unserer Gesellschaft ist vielfältig: Säkulare Götzen wie Geld, Lust, Macht und Selbstverwirklichung stehen mittlerweile in der ersten Reihe und fordern lautstark die ihnen gebührende Anbetung ein. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie dort, wo sie in unserem Leben Götzenstatus erreicht haben, den Hass auf Gott anstacheln. Und dass eines ihrer primären Ziele darin besteht, sich in einer Familie festzukrallen und sie mitsamt ihrer Nachkommenschaft zu vergiften. Sünde pflanzt sich durch die Generationen fort. Und deshalb sucht Gott «die Verschuldung der Väter heim an den Kindern, an den Enkeln und Urenkeln bei denen, die mich hassen.»

Das ist erschreckend und tröstend zugleich. Denn Gott begrenzt diese Fluchlinien. Wenn wir davon ausgehen, dass sich eine Generation nach rund 20 Jahren zum ersten Mal fortpflanzt (was im historischen Durchschnitt etwa stimmen könnte), dann betragen drei bis vier Generationen 60–80 Jahre. Das ist ungefähr die Lebenszeit eines Menschen. Sofern man Kinder hat, ist die Chance gross, die eigenen Enkel und sogar die Urenkel zu erleben, bevor man stirbt. Die Fluchlinie besteht also nur etwa so lange, wie eine Person lebt. Ein Mensch, der mit seinem Verhalten oder seinen Worten «Gott hasst», gibt den Fluch nur während seiner Lebenszeit weiter. Danach erlischt der Einfluss dieser Fluchlinie, sofern sie nicht durch das Verhalten der nachkommenden Generationen aktualisiert wird.

Segenslinien

Nun aber zum schönen Teil, und deshalb schreibe ich diesen Artikel. Die Fluchlinien sind nicht die einzige Realität, die dieser Vers beschreibt. Viel grösser und stärker (im Verhältnis 1000:4, um genau zu sein) ziehen sich die Segenslinien durch die Weltgeschichte. Gott selbst zeichnet sie durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Von Generation zu Generation werden sie weitergegeben und überdauern die Zeit. Das ist auf drei verschiedene Arten fantastisch:

1. Du bist in eine Segenslinie hineingestellt
Du bist von einer «Wolke von Zeugen» (Hebr 12,1) umgeben, die so real ist wie die Regenwolke an einem missglückten Strandtag. Mose, Abraham und all die anderen Helden des Glaubens aus Hebräer 11 blicken jetzt auf dein Leben herab, auf deinen kleinkarierten Alltag und deine mutig-winzigen Glaubensschritte. Du stehst unter wohlwollender Beobachtung der grossen Heiligen!

Uns Evangelikalen ist das suspekt. Wir betonen den persönlichen Glauben. Wir wissen: Gott hat keine Grosskinder. Niemand glaubt «für uns», niemand nimmt uns die persönliche Entscheidung für Jesus Christus ab. Und wir haben recht, wenn wir uns dafür starkmachen, dass die Segenslinien Gottes kein Heils-Automatismus sind (die Bibel betont das ebenfalls, vgl. Hes 18). Aber gerade für uns Evangelikale kann es sehr horizonterweiternd sein, wenn wir uns auf das grössere Bild besinnen: Tausende von Christinnen und Christen sind dir vorausgegangen. Sie umgeben dich wie eine Wolke. Du profitierst von dem Segen, den sie auf dieser Welt freigesetzt haben. Du erntest, was andere gesät haben. Du darfst vollenden, was vor langer Zeit begonnen wurde.

Die Segenslinien ziehen sich durch die Jahrtausende. Gott öffnet durch seinen Sohn Jesus Christus sogar Segenslinien für uns, die uns aufgrund unserer Abstammung gar nicht zugänglich wären:

«So sollte der Segen Abrahams durch Christus Jesus zu den Völkern kommen, und so sollten wir durch den Glauben die Verheissung des Geistes empfangen.» – Gal 3,14

Du trägst den Segen Abrahams auf deinem Leben. Sieh dich mal im Spiegel an: Auf dir ruhen – wie unsichtbare goldene Fäden – unzählige Segenslinien, die Gott durch die Menschheitsgeschichte hindurch bis zu dir gewoben hat. Was für ein gesegneter Mensch du bist!

2. Du kannst eine Segenslinie in deinem Leben beginnen
Und wenn du schon vor dem Spiegel stehst, dann blick einmal hinter dich. Siehst du die unsichtbare, endlose Reihe von Menschen, die hinter dir steht? Wie bei einer Polonaise hält jeder seine Hände auf den Schultern des Vordermanns und der Vorderfrau. Von dir geht diese Linie weiter, bis sie sich am Horizont verliert. Du bist nicht nur gesegnet, du kannst auch Segen freisetzen. Segen bis in die tausendste Generation.

Unser Vers gibt die Anleitung dazu, wie man eine solche Segenslinie startet: «Gott lieben und seine Gebote halten». Das ist ja einfacher als gedacht! Gott erwartet nicht von dir, dass du eine Wohltätigkeitsstiftung gründest, die die Generationen überdauern wird. Er erwartet keine monumentalen guten Werke, die in die Geschichtsbücher eingehen werden. Nein, seinen Segen setzt er frei, wenn du ihn liebst und seine Gebote hältst. Zwei Dinge, die oftmals im Verborgenen geschehen.

«Gott lieben und seine Gebote halten» – das sind zwei Seiten derselben Medaille (vgl. Joh 14,15). Wer sein Herz auf Gott ausrichtet und ganz für ihn öffnet, wer Gott von ganzem Herzen liebt, wird auch so leben wollen, wie es Gott gefällt. «Gott lieben und seine Gebote halten» – diese beiden Dinge lassen sich nicht auseinanderdividieren, auch wenn sie nicht identisch sind.
Deine Entscheidung, Gott zu lieben und seine Gebote zu halten, wird auf dieser Erde noch in 20’000 Jahren spürbar sein. Und ich bin überzeugt, dass diese Verheissung nicht nur biologischen Eltern gilt. Auch kinderlose Menschen geben Segen weiter. Vielleicht nicht auf biologischen Linien, aber Gottes Segen bahnt sich auch so seinen Weg in die Zukunft. Gott lässt es sich nicht nehmen, diejenigen zu segnen, die ihn lieben und seine Gebote halten.

3. Du kannst Segenslinien im Leben anderer Menschen beginnen
Schau dir die Menschen in deinem Umfeld an. Blick dich beim Einkaufen und im Tram um. Manchmal ist es offensichtlich, dass bei einem Menschen oder einer Familie «der Wurm drin ist». Dass sich hier eine Fluchlinie ihren Weg bahnt und ihr zerstörerisches Werk tut. Wie wäre es, wenn du mithelfen könntest, dass dieser Fluch in Segen verwandelt wird? Dass nicht nur ein Menschenleben, sondern Tausende von Generationen durch den Segen Gottes geprägt werden? Die Art und Weise, wie du mit Menschen umgehst und ihnen die Liebe Gottes weitergibst, kann nicht nur eine Familie, sondern die nächsten 20’000 Jahre verändern. So grosszügig ist unser Gott!

Wir schreiben das Jahr 2020 und die Welt wird so richtig durchgeschüttelt. Wer weiss, was in 20’000 Jahren sein wird! Man muss kein Apokalyptiker sein, um sich ernsthaft zu fragen, ob es die Menschheit in 20’000 Jahren in dieser Form noch geben wird. Aber ich schlage vor, das überlassen wir besser Gott. Er wird treu zu seinen Segensverheissungen stehen. Ist es nicht eine unfassbare Verheissung, dass deine Entscheidung, Gott zu lieben und seine Gebote zu halten, noch in ferner Zukunft spürbar sein wird? Nicht weil deine guten Werke in alle Ewigkeit so gülden glänzen würden, sondern weil dein Gott sich entschieden hat, dich zu segnen. Er sagt:

«Wenn du mich liebst und meine Gebote hältst, werde ich dich segnen.
Und deine Kinder.
Und deine Enkel.
Und deine Urenkel.
Und deine Ururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururururenkel.»

Deshalb wirf deine mickrigen Götzen über Bord. Gib dem Hass keine Chance. Stattdessen: Liebe Gott und halte seine Gebote. Du wirst staunen, was dadurch freigesetzt wird!

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Von einer Prostituierten lernen

«Es lud ihn aber einer von den Pharisäern ein, bei ihm zu speisen; er ging denn auch in die Wohnung des Pharisäers und nahm bei Tische Platz.» – Lk 7,36

Vom Pharisäer und Schriftgelehrten des Neuen Testaments zum Pastoren und Theologen der Gegenwart ist es leider oft nicht weit. Ich darf das schreiben, ich bin einer von ihnen. Wir engagieren uns in intensiven Lehrgesprächen und setzen uns vertieft mit dem Glauben auseinander. Nicht das Säkulare, sondern das Religiöse interessiert uns. Ja noch mehr: Jesus Christus ist unser Gesprächspartner, er sitzt sogar bei uns am Tisch und geht auf unsere Fragen und Argumente ein. Aber seine Füsse sind staubig. Niemand hat sie ihm gewaschen, als er in unser Haus eingetreten ist. Niemand hat ihm einen Kuss gegeben, um ihn zu begrüssen. Niemand hat sein Haupt mit erfrischendem Öl gesalbt, nachdem er in der Gluthitze des Mittags bis zu unserem Haus gewandert ist.

Und dann kommt diese Frau. Alle kennen sie, aber niemand nennt sie bei ihrem Namen. Sie trägt stattdessen einen zweifelhaften Titel: die Sünderin. Vermutlich eine Prostituierte. Dass sie es überhaupt wagt, als unreine Frau in diese Hochburg der Religiosität einzutreten!

«Und siehe, eine Frau, die in der Stadt als Sünderin lebte und erfahren hatte, dass Jesus im Hause des Pharisäers zu Gaste sei, brachte ein Alabasterfläschchen mit Myrrhenöl» – Lk 7,37

In ihrer Hand hält sie kostbares Myrrhenöl, ein Vermögen wert. Jeder Pharisäer im Raum rümpft die Nase beim Gedanken daran, wie sie es sich wohl «erarbeitet» hat. Mit wie vielen Männern hat sie wohl geschlafen, bis das Fläschchen voll war! Es wird totenstill im Raum. Unter den Blicken der religiösen Leiterschaft tritt sie zu den staubigen Füssen von Jesus, der beim Gastmahl liegt.

«und begann, indem sie von hinten an seine Füße herantrat und weinte, seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen und sie mit ihrem Haupthaar zu trocknen; dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit dem Myrrhenöl.» – Lk 7,38

Instinktiv erheben sich die um Jesus liegenden Pharisäer von ihren Kissen und rutschen beiseite. Sie wollen nicht unrein werden, weil diese Frau ihnen zu nahe kommt. Das Weinen der Frau hallt durch die edlen Räume des Hauses. Laut schluchzend beugt sie sich über die Füsse von Jesus. Dann ein Klirren – sie hat den Kopf des Alabasterfläschchens an einer Kante zerbrochen und giesst den ganzen Inhalt über die Füsse von Jesus. Der Duft des kostbaren Myrrhenöls breitet sich im ganzen Haus aus.

«Als nun der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er bei sich: »Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, so müsste er wissen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn da berührt, dass sie nämlich eine Sünderin ist.« Da nahm Jesus das Wort und sagte zu ihm: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.« Jener erwiderte: »Meister, sprich!« »Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig; weil sie aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden die Schuld. Wer von ihnen wird ihn nun am meisten lieben?« Simon antwortete: »Ich denke der, dem er das meiste geschenkt hat.« Jesus erwiderte ihm: »Du hast richtig geurteilt.«» – Lk 7,39–43

Eine bizarre Situation – noch immer liegt die Frau weinend zu den Füssen von Jesus am Boden, als dieser mit dem Gastgeber Simon zu sprechen beginnt. Als ob nichts geschehen wäre, stellt Jesus dem Pharisäer eine Lehrfrage. Nachdem er sie richtig beantwortet hat, zeigt Jesus auf die Frau:

«Indem er sich dann zu der Frau wandte, sagte er zu Simon: »Siehst du diese Frau hier? Ich bin in dein Haus gekommen: du hast mir kein Wasser für die Füsse gegeben, sie aber hat mir die Füsse mit ihren Tränen genetzt und sie mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben, sie aber hat, seitdem ich eingetreten bin, mir die Füsse unaufhörlich geküsst. Du hast mir das Haupt nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat mir mit Myrrhenöl die Füße gesalbt.» – Lk 7,44-46

Kein Bedarf an Vergebung
Ich glaube, Jesus zeigt gerade jetzt auf uns und sagt uns diese Worte. Wir machen uns schuldig an einer dekadenten Gelehrsamkeit, die mit Jesus im Dialog steht, ihm aber nicht die Füsse wäscht. Die alle richtigen Antworten über ihn kennt, ihm aber keinen Begrüssungskuss gibt. Wir befolgen alle Gebote und leben, wie es Gott gefällt – aber wenn Gott selbst vor uns steht, salben wir ihm nicht das Haupt mit Öl. Erst recht nicht handeln wir wie die Sünderin, die soeben den Raum betreten hat. Es wäre doch zu emotional oder zu peinlich, vor Jesus niederzufallen wie die Prostituierte. Warum ist das so? Weil wir vergessen haben, was Vergebung bedeutet.

Wann hast du das letzte Mal darüber geweint, dass Jesus für dich gestorben ist? Dass er an deiner Stelle am Kreuz hing und dir dadurch Vergebung und Leben ermöglicht hat? Ich meine das nicht im Sinn einer religiösen Übung: nun weine gefälligst! Aber viele, die diesen Text hier lesen, sind seit Jahren oder Jahrzehnten Christen. Und ich weiss selbst, wie es ist: Du erhältst Vergebung am Kreuz. Du wächst im Glauben. Täglich liest du in der Bibel. Immer seltener musst du zum Kreuz gehen und Vergebung empfangen – schliesslich schreitet die Heiligung voran. Die Jahre ziehen ins Land. Unbemerkt und schleichend koppelst du dich von der Vergebung ab und dein Herz wird kalt, hart und stolz. Aus der Prostituierten wird ein Pharisäer. Einer, der «der Vergebung nicht bedarf». Der sich freut, wenn Jesus am Tisch sitzt und der auf Augenhöhe mit ihm spricht. Aber der nicht mehr vor ihm niederfällt und ihn anbetet. Einer, dessen erste Liebe erkaltet ist. Furchtbar!

«Und wenn ich die Gabe prophetischer Rede besässe und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis und wenn ich allen Glauben besässe, so dass ich Berge versetzen könnte, aber die Liebe mir fehlte, so wäre ich nichts.» – 1 Kor 13,2

Deshalb, meine lieben Mitpastoren und Mittheologen: Der Pharisäer muss aus uns heraus! Theologisches Wissen ohne Liebe und anbetende Hingabe ist nichts wert. Bibel ohne Lobpreis ist Quatsch! Wir sind mit Jesus nicht auf Augenhöhe. Er ist nicht nur ein bewundernswerter Mann oder ein angenehmer Gesprächspartner – er ist Gott! Wir gehören nicht an den Diskussionstisch mit Jesus, sondern zu seinen Füssen, an diesen Ort der Hingabe und der Liebe. Und das Schöne: Man kann auch von dort unten Theologie betreiben. Wirklich gute Theologie kommt von diesem Ort.

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Strom des Lebens

Feuer, Wind, Wasser, Taube, Atem. Die Bibel verwendet viele Bilder, um den Heiligen Geist zu beschreiben. Ich liebe sie alle. Aber das Bild des Wassers spricht mich besonders an. Wasser macht lebendig. Es bringt die Wüste zum Blühen. Es vertreibt die Trockenheit. Es bringt neues Leben hervor.

Vor einiger Zeit ist daraus ein Lied entstanden. Es handelt vom Strom des Lebens, der von Gottes Thron herkommt und Heilung und Befreiung bringt. Traurigkeit, Krankheit und Tod fliehen. Freude füllt den Raum. Der Lebensstrom ist ein wichtiges Thema in der Bibel. Die bekannteste Stelle ist wohl Hesekiel 47: Das Wasser fliesst aus dem Tempel hinaus nach Osten. Zuerst ist es nur ein knöcheltiefer Bach, dann wird es immer tiefer, bis Hesekiel vor einem riesigen Fluss steht, der sich nicht durchqueren lässt. Am Ufer des Flusses stehen Bäume, die Früchte und Blätter tragen. Die Früchte dienen zur Nahrung und die Blätter zur Heilung.

Quellen in der Wüste
Auch der Prophet Jesaja hat diesen Lebensstrom gesehen. Er widmet ihm mehrere Passagen, darunter das ganze Kapitel 35: «In der Wüste quellen Wasser hervor und Bäche in der Steppe; der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu Wassersprudeln» (Jes 35,6–7).

Das Bild dieses gewaltigen Lebensstroms wird ganz am Ende der Bibel nochmals aufgenommen. In der Offenbarung sieht Johannes «einen Strom von Wasser des Lebens, klar wie Kristall, der aus dem Throne Gottes und des Lammes hervorfloss» (Offb 22,1). Jeder, der Zutritt zum himmlischen Jerusalem erhält, wird diesen Strom sehen, davon erfrischt werden und (wer weiss!) vielleicht sogar darin baden.

Lebenswasser im Alltag
Jetzt ist der Strom noch unsichtbar. Allzu oft leben wir in der Dürre und Trockenheit des Alltags, im Wüstenland unserer irdischen Existenz. Aber dann gibt es diese Momente, dieses Eintauchen in Gottes Gegenwart im Worship oder im Gebet, wenn der Lebensstrom plötzlich erfahrbar wird. Mitten im Alltag werden wir erfrischt und erhalten neue Kraft. Und wir erfahren: Jesus gibt uns jetzt schon von diesem Lebenswasser zu trinken (Joh 4,10). Ja, mehr noch: Jesus gibt uns seinen Geist, der in uns zur Quelle lebendigen Wassers wird (Joh 7,37)!

Der Refrain meines Liedes («Giesse aus deinen Geist über alles Fleisch») lehnt sich an Joel 3,1 an: «Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist über alles Fleisch ausgieße, so dass eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden, eure Greise Offenbarungen in Träumen empfangen, eure jungen Leute Gesichte schauen.»

Ich wünsche mir, dass dieser Lebensstrom immer tiefer und stärker fliesst. Dass der Heilige Geist immer mehr Raum in unseren Herzen und Gemeinden erhält. Dass diese machtvolle und wunderbare Person der Dreieinigkeit uns Heilung, Wiederherstellung, Trost und Freude bringt und Wunder tut. Sei willkommen, Heiliger Geist!

Strom des Lebens

Vers 1
Der Strom des Lebens fliesst, ein Strom der nie versiegt
Von Gottes Thron kommt er und ich tauche ein
Der Strom des Lebens fliesst, er strömt zu dir und mir
Er heilt und er setzt frei und ich tauche ein, und ich tauche ein

Pre-Chorus
Führe uns tiefer, tiefer in den Strom des Lebens
Führe uns tiefer, tiefer in deine Gegenwart (2x)

Chorus
Giesse aus deinen Geist über alles Fleisch
Dass Söhne und Töchter prophezeihn
Komm und wirke so, wie es dir gefällt
Sei willkommen, Heiliger Geist

Vers 2
Und Leben spriesst empor wohin der Strom auch kommt
Die Trauer ist vorbei und ich tauche ein
Krankheit, Schmerz und Tod, sie fliehen vor dem Strom
Freude füllt den Raum und ich tauche ein, und ich tauche ein    

Bridge
Sei willkommen, sei willkommen, sei willkommen, Heiliger Geist

© 2018 Dave Brander (www.davebrander.ch)