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Fromm und beschäftigt

Wer sich leidenschaftlich zum christlichen Glauben bekennt, hat den „Mainstream“ dieser Welt hinter sich gelassen. Oder?
In uns allen sind kulturell bedingte Vorstellungen verankert: Wie sieht ein erfülltes Leben aus? Wo verläuft die Linie zwischen Richtig und Falsch? Was bedeutet Erfolg? Als Christen denken wir gerne, dass uns die „weltlichen“ Ideale unserer Gesellschaft kaum tangieren. Tatsächlich werden wir ihrer fast nur dann gewahr, wenn sie im krassen Gegensatz zu unserem Glauben stehen und wir uns positionieren müssen. Doch ich stelle folgende These auf: Die gesellschaftlichen Normen beeinflussen uns dann am stärksten, wenn sie sich (scheinbar) mit unserer Glaubenspraxis decken.

Meine Generation treibt das folgende Motto an: Lebe selbstbestimmt, handle nachhaltig und hole das Beste aus dir heraus. Geniesse, aber bewusst. Arbeite hart, aber mit Vision. Nutze die vorhandenen Ressourcen, aber tue es mit Bedacht. Wie es zu diesen Wertvorstellungen kommt, ist eine komplexe Frage. Als westlich geprägter Twentysomething kann ich sagen: Ich bin mir der vielen Privilegien bewusst, die ich geniesse und möchte die Möglichkeiten, die ich dadurch habe, zum Besten nutzen. Diese Haltung erwächst einerseits aus meinem Glauben. Andererseits ist sie dominant in dem sozialen und kulturellen Setting, in dem ich lebe.

Meines Erachtens ist der Gedanke gar nicht unbiblisch – wer daran glaubt, dass das Leben ein uns anvertrautes Geschenk ist, wird sich im Alltag nach ähnlichen Grundsätzen richten. Doch gerade dann, wenn die gesellschaftlichen und die biblischen Werte sich überschneiden, entsteht eine kaum merkliche Tendenz, „zwei Herren zu dienen“. Die Frage: Wie gut arbeite ich an mir selbst? vermischt sich mit der Frage: Wie gut bin ich als Christ unterwegs? Die Folge: Wir werden dogmatisch in Bezug auf kulturelle Normen – und innerlich kalt gegenüber Dem, Der die Kulturen überdauert.

 In meinem Fall heisst das: Ich versuche in vielen Bereichen meines Lebens gleichzeitig, mich zu entwickeln, denn ich will ja die beste Version meiner selbst werden. Somit bin ich permanent beschäftigt – was heutzutage zum guten Ton gehört. Möglicherweise bleiben dadurch Beziehungen auf der Strecke und es entsteht Chaos, weil sich Pendenzen anhäufen. Doch dieser Lebensstil ist allgegenwärtig und kaum zu umgehen: Die Vorstellung vom „besseren Ich“ ist marktfähig und sickert in Form von Influencer-Selfies, Produktivitäts-Tools und Smartwatch-Werbungen permanent zu uns durch. Entschleunigen ist keine Option. Das Ganze in einen frommen Mantel zu kleiden, fällt leicht: Ich möchte mein Potential entfalten. Ich lebe meine Berufung. Ich tue all dies „für Gott“.   

Von aussen scheint es, als hätte ich alles unter Kontrolle. Vor dem Herrn kann ich diese Fassade nicht aufrechterhalten. Lasse ich Ihn dahinter blicken, in das Verborgene meines Herzens? Oder bin ich dafür „zu beschäftigt“? Strebe ich noch danach, mich von Ihm verwandeln zu lassen – oder gebe ich mich damit zufrieden, mein eigenes Projekt zu verwirklichen?

Welche weiteren kulturellen Ideale haben die Tendenz, sich mit christlichen Glaubensüberzeugungen zu „vermischen“? Was sind die Folgen?


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