Leben als Blindenseelsorgerin

Als sogenannte «Reformierte Blindenpflege» wurde das Seelsorgeangebot für sehbehinderte im Jahr 1946 gegründet. Heute ist der Dienst besser bekannt unter dem Namen Blindenseelsorge. Seit 2008 prägt Ursula Graf als Leiterin der Geschäftsstelle in Uster und vollzeitliche Blindenseelsorgerin dieses Angebot. Gegenüber Livenet schildert sie hier, wie sie als Blinde, die zugleich andere blinde und sehbehinderte Menschen begleitet, ihren Alltag meistert:

Livenet: Ursula Graf, was schätzen Sie an Ihrer Arbeit als Blindenseelsorgerin?
Ursula Graf:
Ich bin ja nun schon seit dem 1. Oktober 2008 bei der Blindenseelsorge dabei. Für mich ist das ein cooler Job, weil er so vielseitig ist. Ich kann Menschen teils über Jahre hinweg begleiten. Aktuell befinden sich in meiner Kartei rund 150 Klienten. Einige begleite ich sehr intensiv, andere sehe ich vielleicht nur einmal pro Jahr. Ich selbst sah mit meinen Augen von Geburt an sehr schlecht. Bis zu meinem zehnten Altersjahr konnte ich die groben Umrisse um mich herum erkennen.

Inwiefern spielt Ihre eigene Blindheit eine Rolle für Ihre Beratungstätigkeit?
Die Blindenseelsorge umfasst nebst der eigentlichen Beratung auch ganz praktische Tipps. Eine Person, die erst später im Leben erblindet, ist natürlich sehr herausgefordert, die ganzen Handgriffe und Tricks einzuüben. Wie schenke ich zum Beispiel eine Tasse Kaffee ein, ohne die Hälfte zu verschütten? Da muss jemand erst lernen, wie man die Kanne an die Kante anlegen kann. So gibt es zahlreiche Tipps, die ich den Leuten geben kann. Durch die Blindheit bin ich mich gewohnt, immer etwas mehr Einsatz zu geben, um ein Ziel zu erreichen.

Haben Sie denn im Leben auch schon Seelsorge in Anspruch genommen?
Ja, diese hatte aber nichts mit meiner Blindheit zu tun. Ich habe in meiner Kindheit und Jugendzeit viele Verletzungen erfahren, die mir lange zu schaffen machten. Ich wurde oft ausgegrenzt oder angegriffen, als ich in einem Internat lebte. Diesen Verletzungen musste ich mich stellen. Noch heute merke ich, dass diese innere Heilung für mich viel entscheidender ist als die körperliche Heilung. Was bringt mir ein gesunder Körper, wenn die Seele krank ist? Hingegen wenn die Seele gesund ist, kannst du auch mit einer körperlichen Einschränkung gut umgehen. Heute fühle ich mich innerlich stark genug, um mich auf die Nöte der Ratsuchenden einlassen zu können. Ich würde sogar sagen, es hat mir geholfen, dass ich selbst viel durchgemacht habe. So habe ich ein besseres Einfühlungsvermögen als Seelsorgerin.

Haben Sie also nie mit Gott gehadert, warum sie nicht sehen können?
Nein, ich hadere nicht mit meiner Blindheit. Fragen wie ‚Warum bin ich blind?‘ waren wirklich nie stark präsent. Ich habe meinen Weg längst akzeptiert und sehe ihn als spezielle Berufung. Wenn Gott es anders gewollt hätte, dann hätte er es anders gemacht. Gott traut mir offensichtlich zu, damit umzugehen und anderen blinden Menschen eine Stütze im Leben zu sein. Glauben Sie mir, er hat mir viel anderes gegeben. Ich sehe viel!

Wie meinen Sie das?
Als Blinde werde ich auch nicht abgelenkt von Äusserlichkeiten, sondern spüre direkt das Herz eines Menschen. Schon allein am Schritt eines Menschen kann ich viel erkennen. Durch meine Arbeit als Blindenseelsorgerin habe ich gelernt, diesen Eindrücken – vielleicht sind es auch Eingebungen von Gott – zu vertrauen. So spreche ich heute sehr direkt an, was ich spüre, wenn mir die jeweilige Person die Erlaubnis dafür gibt. Denn es ist ja die Wahrheit, die uns frei macht, richtig?

Wie gehen Sie mit dem Thema Heilung um?
Manchmal kommen Christen mit der gutgemeinten Idee zu mir, für Heilung meiner Augen zu beten. Ich erkläre ihnen dann jeweils, dass ich dieses Gebet nicht brauche. Ich habe ganz viele andere Gebetsanliegen. Es geht dabei um ganz normale Wünsche, zum Beispiel für einen Partner an meiner Seite oder gute Begleitpersonen, die mich im Alltag unterstützen. Ich schätze auch jedes Gebet um Kraft zum Leben oder um die Heilung von Verletzungen, Vergebung usw.

Sie haben ja als Vorbereitung für ihre diakonische Tätigkeit das Theologisch-Diakonische Seminar TDS Aarau absolviert. Was hat Ihnen diese Ausbildung vor allem gebracht?
Es hilft mir ganz einfach, auf die Bedürfnisse der Leute einzugehen, die mehr vom christlichen Glauben wissen wollen. Ich sage immer: Wer viel von Jesus wissen will, bekommt bei mir auch viel. Aber ich akzeptiere auch, wenn jemand lieber nichts vom «Christlichen» hören möchte. Mein Herz schlägt einfach dafür, Menschen aufzubauen und ihnen zu helfen, Knöpfe zu lösen. Einmal habe ich zum Beispiel einer Frau die Bibel als Hörbuch empfohlen. Das war ihr aber zu fromm. Sie sagte aber, dass ihr die Beziehung zu mir guttue. Also habe ich einfach weiter in sie investiert und versucht, ganz vorsichtig etwas vom Glauben in ihr Herz zu säen.

Was tun Sie, um mal abzuschalten oder persönlich aufzutanken?
Auftanken kann ich in der Stille oder auch, wenn ich mit dem David Dienst an einem öffentlichen Platz – meistens ist es ein Bahnhof – Lieder für Gott singe. Das liebe ich. Der David Dienst ist inzwischen meine neue innere Heimat geworden. Wir haben dort alle den Lobpreis auf dem Herzen und wollen Gott mit all unseren Gaben dienen.

Datum: 16.09.2019
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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